2003 ANGELICA BÄUMER
   

art critique
catalogue en detail, May 2003

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Eva Wagner im Gespräch mit Angelica Bäumer

Text für Katalog zur Ausstellung en detail in der Galerie Lukas Feichtner, Wien

Solange es Menschen gibt, haben sie sich kreativ geäussert. Sie haben dem Mythos gedient und der menschlichen Befindlichkeit Gestalt gegeben. Das war vor Jahrtausenden so, und das wird sich auch nicht ändern. Die Form allerdings hat sich gewandelt und der Diskurs ebenfalls. Die Anlässe dafür weniger. Es geht nach wie vor um Beobachtung und Erfahrung, - und um die Umsetzung der menschlichen und geistigen Erkenntnisse in Kunst als ein ästhetisches Ereignis. Dass alle Techniken und Medien, die Malerei mit Pinsel und Farbe genauso wie die Arbeit mit dem Computer, mit Video und Fotografie, heute Platz haben in jener grossen Freiheit der Kunst, die wir uns erobert haben - ist Ausdruck unserer Zeit und unseres modernen Lebensgefühles, bedeutet aber auch eine neue gesellschaftliche Verantwortung.

Die Malerei von Eva Wagner ist definiert in der Tradition der abendländischen Malerei, aber ebenso ist sie definiert in der Zeit, in der sie lebt. So geht es ihr durchaus um ein so persönliches wie allgemeines Stimmungsbild und um das Schaffen eines atmosphärischen Raumes, aber ihre Welt ist nicht die Welt der Romantik, sondern die Welt von Heute, so aktuell wie zeitlos.

Ihre Technik ist malerisch-technisch so raffiniert wie künstlerisch überzeugend. Zahlreiche Schichtungen, viele hauchdünne Farbaufträge, die nur mehr eine Ahnung der Hintergründe zulassen und zarte Farbschleier, die sie über ihre Motive legt, schaffen eine Räumlichkeit, die so geheimnisvoll wie faszinierend ist. Ihre Bilder öffnen sich nicht auf den ersten Blick, sondern verlangen Geduld, um die Tiefe der Arbeiten, den Zauber der Geschichte, die sie erzählen will, zu erkennen. Sie laden den Betrachter zu aufmerksamem Schauen ein und strahlen in ihrer Konzentration meditative Ruhe und Poesie aus.

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A Sind deine "versteckten" Bilder dein Weg Erfahrung aus dem Unbewussten zu gewinnen und daraus geistige Erkenntnis zu schöpfen?

E Die Bejahung, Erkenntnis aus Erfahrung zu gewinnen, ist mir zuwenig. Deshalb versuche ich es zu erklären. Ganz wichtig in meiner Arbeit ist die Wiederholung, das Serielle, das immer wieder Aufgreifen von vorhandenen Bilder, das neu Zusammensetzen und somit Neuschaffen von Wirklichkeiten. Das fertige Bild manifestiert sich sozusagen schon im Arbeitsprozess. Zahlreiche Arbeitsvorgänge werden aneinandergereiht, was im Nachhinein durch die einzelnen Farbschichten ablesbar ist. Diese einzelnen dünnen Farbfilme nähern sich dem neuen Bild an, umschreiben es und machen die Ausrichtung auf das Ziel erkennbar. Der langwierige Arbeitsaufwand spielt eine wichtige Rolle bei meiner Arbeit, aber der ist für mich auch so etwas wie ein meditatives Element. Aber nur so, durch die Wiederholung und die notwendige Langsamkeit bzw. Konzentration, entsteht etwas Neues. In dem Prozesshaften des Malvorgangs steckt für mich natürlich sowohl Erfahrung wie Erkenntnis.

A Ein präzises und perfektioniertes handwerkliches Können gehört zur Kunst, und du hast deine Technik immer mehr vervollkommnet. Bei allem künstlerischen Anspruch um Inhalt, Komposition, um Farbe und Licht, ist es auch das Handwerkliche, das ein Künstler beherrschen muss. Das geht vom Spannen der Leinwand auf den Keilrahmen, über die Grundierung, zu den verschiedenen Schichtungen, den Veränderungen, dem Prozesshaften und all dem, was während dem Malen entsteht und sich aufbaut. So ist alles Teil der Arbeit, von der Einstimmung zur Vorbereitung und schliesslich zum Beginn der eigentlichen kreativen Arbeit.

Das schnelle Hinwerfen von Farbe ist deine Sache nicht, dir geht es um die langsame Entwicklung, durch die du letztlich deine komplizierten Oberflächen schaffst. Der Betrachter sieht zwar nur das Endergebnis, dennoch spürt er den langen Weg, der zu deinen atmosphärischen Räumen geführt hat.

E Das ist völlig richtig, ich brauche ja vor allem Zeit um ein neues Konglomerat zusammenzusetzen, um ein neues Bild zu machen. Rein technisch muss bei der Arbeit jeweils der richtige Trocknungszustand abgewartet werden, damit die einzelnen Farbschichten sich im richtigen Masse miteinander verbinden können. Ist man zu schnell, verschwimmen die Schichten zu sehr, lässt man die Filme durchtrocknen vor der nächsten Schicht, kann ein zu scharfer Schnitt erreicht werden.

Mich interessiert die Zeit an sich, auch der Zeitfaktor in Bezug auf das Dargestellte. Unabhängig vom Motiv sehe ich in meinen Arbeiten Augenblicksaufnahmen, bei denen es weniger um das Dargestellte, als um den das Motiv umgebenden Raum, die Atmosphäre eben, geht. Ich schöpfe aus der Erinnerung, setze Momente daraus übereinander. Auch geht es um den Déjà vu Effekt; durch die Überlappung und die geringfügige Abweichung in der Zeichnung fängt das Bild an zu vibrieren, und es entsteht die Bewegung sozusagen von innen heraus, wie sich überlagernde Traumsequenzen. Und die Umsetzung von realen Eindrücke verlieren auf der Leinwand ihre Begrenzung, sowohl räumlich als auch zeitlich.

A Warum versteckst du deine Figuren, deine Körper, hinter diesen Schleiern von Farbe, warum schaffst du so ein Geheimnis? Hast du Angst vor dem Gegenständlichen, vor der Figur?

E Ich würde es nicht als Angst bezeichnen. Weniger Angst als Neugier, es ist auch eine Art Wollen hinter dem einen Bild ein neues zu entdecken. Geringfügige Abweichungen in der "Montage" der einzelnen übereinander gelegten Farbfilme, setzen das dargestellte Bildgeschehen sozusagen in Bewegung. Ähnlich wie bei einem Videostill wird ein Bild "eingefroren", doch die Unschärfe lässt Spekulationen nach zeitlichen und räumlichen Ausdehnungen zu, das heißt, mein "Bemühen" in meiner Arbeit, wenn man das so nennen kann, liegt darin, bei mir und beim Betrachter das Bild weiterleben zu lassen, sowohl in der Zukunft als auch in der Vergangenheit.

Ich habe früher manchmal Bilder gemalt, die ganz verschwommen waren, diffus, in denen die Figur fast völlig verborgen war. In meinen neuen Arbeiten kommen scharfe Schnitte vor, ich versuche die Realität zu schneiden und gleichzeitig neu zusammen zu setzen, zu (ver)flechten, zu verknüpfen und dadurch neue Sichtweisen zu schaffen, wie im Film, wo die Bilder an einem vorbeiziehen, und wo die schnelle Aufeinanderfolge eine bestimmte Atmosphäre produziert. So versuche ich ein Vorbeiziehen von Realitäten zu schaffen.

A Du hast dich am Beginn deiner Malerei sehr intensiv mit Bewegung befasst, ein Teil dieser Bewegung ist immer noch in deinen Arbeiten vorhanden. Ist Bewegung immer noch ein wesentliches Element deiner Kompositionen?

E Bewegung ist mir nach wie vor ganz wichtig. Es geht um die Beobachtung und Erfahrung von Bewegungen, von Abläufen - das ist nach wie vor eines meiner Themen.

A Und das Fotografische in deinen Arbeiten? Das Festhalten des Augenblicks, der dann einen künstlerischen Impuls auslöst und letztlich ein Bild wird?

E Ich möchte fotografisch als Begriff in diesem Zusammenhang nicht verwenden. Obwohl es ähnlich wie bei der Fotografie, um Blickschärfe und Brennpunkte geht, insofern ist es vergleichbar. Aber es geht mehr um das Fokussieren von Wirklichkeiten und das Erreichen von Subjektivitäten. Dabei dient die Fotografie als Ausgangsmedium lediglich als Mittel zum Zweck und steht in meinem Arbeitsprozess nicht für sich. Das Medium in dem ich meine Bildinhalte vermittle ist und bleibt die Malerei.

A Trotzdem, die Basis deiner Bilder sind Fotos, die du von Modellen machst. Wie animierst du sie sich zu bewegen? Umkreist du sie, um die Situation zu erwischen, die dir dann im Bild wichtig ist, wartest du auf den Moment bis du das Motiv hast, das dir für ein Bild richtig erscheint?

E Alles entsteht durch das Gespräch mit dem Modell, das sich im Atelier frei bewegt. Ich fotografiere ja nicht nur, sondern mache viele Skizzen, der Prozess des Aussuchens und Entscheidens beginnt erst später beim Malen. Es geht mir nicht um eine bestimmte Stellung, sondern um das Festhalten einer einmaligen Situation, es geht um die Bewegung und um die ganz besondere Atmosphäre, die ich geschaffen habe, die ich dann versuche in meinen Bildern nachzuvollziehen und umzusetzen. Es geht weder um die Persönlichkeit, noch handelt sich um Portraits der Modelle; die Figur tritt nur als Motiv auf . So können auch meine Landschafts- oder Stadtansichten als Modellsituationen gesehen werden, in denen es mir mehr um das Festhalten von Stimmungen geht als das Abbilden der Realität.

A Das ist das, was ich die Neuerschaffung des atmosphärischen Raumes genannt habe. Ausgehend vom Medium der Fotografie, aber eben mit den Mitteln der Malerei, anonymisierst du die menschliche Figur und lässt sie letztlich zu einem Platzhalter werden. Wobei die Figuren Positionen einnehmen, die weniger aus der Persönlichkeit des Modells stammen, sondern die aus der Haltung entstehen, die du künstlerisch einnimmst und die du für das Bild brauchst, weil die entscheidende Person des Bildes bist ja du und nicht das Modell, das ist nur Mittel zum Zweck.

Es stellt sich mir, als Beobachterin, aber auch dir als Künstlerin, immer wieder die Frage: wann ist ein Bild fertig?

E Das ist schwierig und nicht ein für alle mal zu beantworten. Ich beobachte mich ja auch dabei, dass ich Bilder, die mir fertig erscheinen, lange im Atelier stehen lasse. Es kommt oft vor, dass die Bilder zwei, drei Monate lang stehen, dann nehme ich sie mir wieder vor, übermale oder ändere. Manchmal denke ich, man muss sie wie einen guten Teig einfach ruhen lassen, um zu sehen, ob sie schon wirklich "aufgegangen" sind. Oft lasse ich das Bild auch im Lager verschwinden und schaue es mir erst viel später wieder an. Da hat man wieder einen anderen Blick, denn unmittelbar nach dem Malen fehlt manchmal die Objektivität zu einer Beurteilung. Man braucht einfach Zeit, um das ganze sich entwickeln zu lassen. Nach Tagen oder auch Wochen sehe ich dann was fehlt und sehe wo und wie es weitergeht.

Spannend ist es auch, die Arbeiten in anderen Räumen zu sehen, nicht im eigenen Atelier und in dem Licht, das man gewohnt ist. Es ist für mich jedes Mal eine neue Erfahrung meine Bilder an anderen Orten, in Ausstellungen zu sehen. Das andere Umfeld ist ganz wichtig, die Bilder sind dann irgendwie fremd und ich sehe sie mit anderen Augen. Diese Art der Distanz ist eine Chance zur Objektivierung, weil sich da in der Erfahrung wieder viel weiterbewegt.

A Bilder sind etwas lebendiges und je lebendiger ein Bild ist, desto weniger ist es vielleicht fertig. Du hast mir aber einmal gesagt, ein Bild ist für dich dann fertig, wenn du das Gefühl hast nichts mehr hinzufügen zu können. Das kann sich aber nach zwei Wochen, wie du gesagt hast, wieder ändern?

E Aber wenn es einmal 4 Wochen hält, dann ist es schon gut.

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Bei aller Neugierde an der Kunst der Zeit, bei aller zeitgeistigen Intellektualität und Kunstdiskussion, sieht Eva Wagner ihren Weg und ihr Ziel sehr klar. Erfahrung und Erkenntnis, Mut und Zweifel, ständiges Fragen nach Sinn und Zweck, nach der Energie der Arbeit, gehören zum künstlerischen Tun. Auch die Einsamkeit der Entscheidungen, die Stille des Ateliers. Denn letztlich geht es nur mehr um das Tun, da fällt alles ab, da gibt es keinen intellektuellen Diskurs mehr, sondern nur mehr Leinwand, Pinsel und Farbe, und die Gedanken, die sich in einer Zwischenwelt von Bewusstsein und Unbewusstheit abspielen, in der eingesetzten Zeit und der Konzentration auf das Wesentliche.

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Die Einführung und das Gespräch fanden anlässlich der Eröffnung der Ausstellung von Eva Wagner in der Sammlung Klein/Stuttgart statt.

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