1993

ALEXANDER PÜHRINGER

   

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opening speech, show I Never Promised You a Rosegarden, Museumspavillon, Salzburg, June 1993

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I never promised you a rose garden

Museumspavillon, Salzburg 1993

Text zur Ausstellung

Die Kunst von Eva Wagner ist still und zurückhaltend, selbst im Raum mit dem Hügel dahinwelkender roter Rosen ist das Schlachtgewirr der Heeresformation ein lautlos starres Bild. Es sind wenige Motive, die die Künstlerin ihren Bildern sparsam einverleibt, und wollte man die emblematisch eingesetzten Bustiers, Korsette, Vasen, Schalen und wie miniaturhafte Spitzendeckchen anmutenden Tortenuntersätze, die schleierhaft hinter der Bildoberfläche hervorschimmern, mit dem modischen Schlagwort WEIBLICHKEIT bezeichnen, so greift das ins Leere. Da ein Bild so viel mehr ist als sein Sujet, kann man eine Malerin nicht charakterisieren, indem man ihre Lieblingsmotive benennt.

So wie der Titel der Ausstellung "I never promised you a rose garden", der weder eine vordergründig inhaltliche Bezugnahme auf den 1964 erschienenen gleichnamigen Roman von Hannah Green noch auf den heute noch im Radio präsenten Schlager vom Ende der 60er Jahre meint, so changieren die Bilder und Wandobjekte unbestimmt, verhalten. Die wenigen figurativen Elemente, die wie organische Implantate in das Gesamtbild der Arbeiten hier im mittleren Raum eingewoben bzw. in die Farbmasse eingearbeitet sind, beziehen ihre konnotative Bedeutung durch den Wesenszusammenhang von Behältnissen, die etwas schützen, und schlagen somit die Brücke zu den Helmen im hinteren Raum mit dem Rosenhügel, den man als Grab deuten mag. Und gerade hier drückt die Künstlerin ein wesentliches Thema ihrer Arbeit im Hinblick auf die verfehlte Gleichheitsidee zwischen den Geschlechtern explizit aus: Es ist der Eros, der zum Trauma erstarrt ist. Nur die Kunst ist in der Lage, die Schönheit, die für das Furchtbare durchlässig ist, zu benennen. Die Schönheit des roten Rosenhügels verführt und gemahnt doch unmittelbar an die Symbiose zwischen Schönheit und Tod. Indem diese Rosen im Verlaufe der Ausstellung im Angesicht der seriell gehängten Helme verwelken, gemahnen sie auch an die Schönheit, die im Sinne der Philosophie Piatons im wesentlichen Wahrheit bedeutet. Somit ist der Eros zwar Verführung zum Leben, impliziert jedoch gleichzeitig den Tod, wie Nietzsche sagt: "Es gieng niemals ohne Blut, Martern, Opfer ab, wenn der Mensch es nöthig hielt, sich ein Gedächtniss zu machen."

Denn die Erotik der Herrschaft wird nicht von der Natur des Eros verlangt, sondern ist auch heute noch ein Instrument der Erhaltung männlicher Vorrechte. Das Ausmaß, in dem unsere Gesellschaft Machtbeziehungen erotisiert hat, ist dabei von eminenter Bedeutung, wenngleich die Grenzen dieser Erotisierung inzwischen jenseits einer kämpferischen Feminismusdebatte sichtbar geworden sind.

Die Reibungsfläche zwischen dem Gegenstand und seinem Auftauchen in der seriellen Konzentration verstärkt einen Grundzug, der wiederum den anfänglichen Verweis auf die Tendenz zur Mißdeutung in Erinnerung bringt. Eva Wagners Kunst trifft auf heraus­ fordernde Weise den Blick des stillen Voyeurs, der Voyeuse. Der Begriff, der den ethischen Menschen subsummiert, von dem sich die auf ihren ethisch-moralischen Ruf so stolze Gesellschaft doch so frei wähnen möchte, ist ein gezielter Verweis auf den Zwiespalt, aus dem der Künstler/die Künstlerin in einer Gesellschaft agiert, deren Menschenbild längst besetzt ist, der noch der extremste Zustand der Leidens inzwischen zur Unterhaltung gerät. Dies ist eine Seite: das Warten auf Bedeutung aus dem Blickwechsel mit dem Betrachter. Die andere, vielleicht die bedeutendere, ist die latente Enthaltsamkeit der Empfindungen, die sich verborgen hält. Hier vor allem kommt die anfangs angedeutete Nichtfaßbarkeit des inhaltlichen und malerischen Ereignisses durch die verschobene Malerei, durch das nicht wirklich harmonisierte malerische Geschehen in aller Deutlichkeit zum Ausdruck. Zwischen dem Körper in seiner Begehrlichkeit für die Augen und dem was dahinter liegt und der malerischen Textur des vermeintlich unverfänglichen Textils pulsiert die Fläche in ihrer desillusionierenden Fähigkeit zur Betrachtung der verlorenen Unschuld von Bedeutung. Eva Wagners Arbeit hat für mich eine Qualität der Verborgenheit, wie etwas Bleiches, das unter einem Baumstamm liegt und das seine subversive Kraft aus dieser Indifferenz des Scheins schöpft. Und sie schließt angesichts der Unübersichtlichkeit des zeitgenössischen Kunstschaffens in ihrem künstlerischen Ansatz wohltuend an einen Satz der Amerikanerin Louise Bourgeois an: "Art is not about Art. Art is about life."

1993 Alexander Pühringer

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