2003

CARL AIGNER

   

art historian, director Niederösterreisches Landesmuseum St. Pölten
catalogue en detail, May 2003

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Text für Katalog zur Ausstellung en detail in der Lukas Feichtner Galerie, 2003

ARCHÄOLOGIE DES BLICKS.

Sichtweisen und Schichtungen im Werk von Eva Wagner

Als hätten wir Angst , das Andere
in der Zeit unseres eigenen Denkens
zu denken.

Michel Foucault

Im 19. Jahrhundert entwickeln sich zwei neue, vor allem durch die Photographie konstituierte Bilddispositive der Malerei heraus, die bis heute eine reflexive Virulenz darstellen: Das Fragmentarische und die neue Konfiguration von Bild, Zeit und Raum. Das Fragmentarische konkretisiert sich dabei als Frage des Details, die Bild-Raum-Bezüglichkeit als Phänomen der Oberfläche (die gleichzeitig die Inversion des Verhältnisses von Raum und Zeit impliziert).

Die Malerei von Eva Wagner markiert beide Positionen und verschränkt sie mit der gegenwärtigen Erfahrung von Wirklichkeit als Medialität. Einen Ausgangspunkt bildet dabei die Erfahrung der Photographie; selbst gefertigte Photographien von menschlichen, meist weiblichen Körpern (wenige Arbeiten setzen sich mit Landschaften auseinander) fungieren gewissermaßen als Bildgrund, sind Grundlage und Motivation für den Diskurs ihrer Malerei, die gleichzeitig eine weitere Perspektivität situieren: das Spannungsfeld von gegenständlich und abstrakt.

Wenn wir Bilder als das Andere des Blicks begreifen, können wir die Momente des Fragmentarischen, des Details, des Raumes und der Fläche als Gestus des Archäologischen interpretieren. Zunächst ist es die Verfahrensweise ihrer Malerei selbst. Verschiedenste Mal- und Farbschichten werden übereinander aufgetragen, wieder weggenommen, neuerlich aufgetragen; Schichtung um Schichtung wird ein Parcours entfaltet, dessen Fokus immer die gemalte Wiedergabe photographischer Bilder einnimmt. Wenn es stimmt, dass, wie Jacques Lacan einmal meinte, nicht nur wir Bilder erblicken, sondern diese gleichsam unsere Blicke ko-konstituieren, so können wir im rezeptivem Sinn von einer Archäologie der Blicke sprechen.

Das Formale der Malerei und der Mischtechniken verschränkt sich dabei in hybrider Weise mit dem Thematischen der Bilder. Der Transfer von Photographie zur Malerei bewirkt eine archäologische Auflösung des Gegenständlichen und Figurativen und erinnert an Höhlen- und Felswandmalerei. Auch hier findet sich eine durch mediale Verschmelzung von Photographie und Malerei evozierte Hybridität, die, bedingt durch das Oszillieren zwischen Photorealistischem (Figurativen) und formalen Gestaltungen (Abstraktion) ein weiteres archäologisches Terrain eröffnet: jenes von Schärfe und Unschärfe, von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, von Absenz und Präsenz.

Vor allem Letzteres verweist auf einen weiteren, wesentlichen Aspekt des Archäologischen, nämlich den der Zeitlichkeit. Immer wieder spricht die Künstlerin von Erinnerungsbildern und davon, Erfahrungen von Zeit durch das Durchgehen von Zustände und Handlungen herstellen zu können (nicht zufällig erinnern die Bilder auch an Filmisches). Der Begriff des Archäologischen situiert das Moment der Zeit als Schichtung, die entsprechend den jeweiligen Schichten in Form von Sichtungen auch als Bildschichten transparent werden. Sigmund Freud war es, der im Zusammenhang mit seiner Traumdeutung erstmals eine archäologische Theorie der Zeit formulierte. Es ist aufschlussreich, dass die Künstlerin selbst in Gesprächen immer wieder von Traumsequenzen spricht, die ihr Werk auszeichnen. Wenn wir darunter keine Weltferne verstehen, sondern ein komplexes Wechselspiel von bewusst und unbewusst, von präsent und absent, von sichtbar und unsichtbar, so vermögen wir ein Zeitverständnis zu erkennen, dass nicht chronologisch oder linear verläuft, sondern diversiv, heterogen und vielschichtig, eben archäologisch.

Damit kommen auch elementare anthropologische Fragestellungen ins Blickfeld der Bilder. Gerade durch die Einbeziehung des Mediums Photographie wird die Bezüglichkeit von Bild, Subjekt und Zeit nachdrücklich befragt und erkennbar, dass es in einer Bildergesellschaft einen unabdingbaren Zusammenhang zwischen dem Begriff des Bildes, dem Begriff des Subjekts und dem Begehren nach einer aufgehobenen Zeit gibt. In subtiler Weise arbeitet die Künstlerin in Form von Entgrenzungen des Raumes, der Zeit und des Subjektes an dieser aufgehobenen Zeit um so anthropologisch-archäologisch den einzigen Traum zu träumen, den wir begehren: den Traum der Unvergänglichkeit.

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