2006

EVA-MARIA BECHTER

   

art historian, EMB-Contemporary Art
art magazine Vernissage, February 06

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Eva Wagner

Ausgehend vom Medium der Fotografie, setzt Eva Wagner den Gegenstand in einer sensiblen zeichnerischen Dichte auf die Leinwand, verbunden mit gestisch gesetzten malerischen Elementen. Es entsteht ein feinfühliger Bildaufbau, in dem die unterschiedlichen Schichten übereinander gelegt werden.

Letzten Sommer arbeitet die in Salzburger geborene Künstlerin im Rahmen eines Symposiums an kleinformatigen Zeichnungen, über die sie durchsichtige Folien in einer Art Collage schichtet. Die Zeichnung tritt dadurch materiell in den Hintergrund, denn die auf den Folien dargestellten Farbrinnspuren verdecken diese. Doch sogleich unterstreichen diese Schichten auch den grafischen Strich. Eva Wagner bestätigt sich hier als Zeichnerin.

Dieses Medium ist es auch, dass ihren meist großformatigen Arbeiten auf Leinwand voraus geht. Angeregt durch Alltagssituationen, fotografiert Eva Wagner unterschiedliche Begebenheiten, wie etwa bei ihrem Arbeitsstipendium in Dakar. Diese „Schnappschüsse“ überträgt sie dann auf Papier. Nicht eins zu eins, denn die Darstellung der Realität steht nie im Zentrum ihrer Kunst, es geht um die malerisch-zeichnerische Bildlösung. Durch das Setzten von horizontalen feinen Linien legt sie eine Art Schleier über das Geschehen. Die Figuren scheinen zu verschwimmen, treten in einer Art Verdoppelung wieder auf – zum einen gerastert, zum andern realitätsbezogen. Die Menschen scheinen sich durch die Schichten „hindurch zu kämpfen“, sie spähen durch den horizontalen Aufbau auf den Betrachter. Auf der Größe eines normalen A4 Papiers kulminiert hier der Strich zu einer Dichte, die sich auf den zweiten Blick in Gegenstand, Schatten und Schleier auflöst.

In einem ähnlichen Verfahren geht Eva Wagner vor, wenn sie die Malerei auf die Leinwand setzt. Grundlage ist auch hier die Fotografie – wobei sie früher auch immer wieder mit realen Models gearbeitet hat. Die Figur wird auf die grundierte Leinwand aufgetragen. Unterschiedliche Farbschichten verwischen diesen figurativen Bezug und gehen somit eine Symbiose von Figuration und Abstraktion ein. Die verdünnte Farbe rinnt über den Bildträger, Rinnsale und Pinselstriche werden sichtbar. Mit Rakeln zieht die Malerin die einzelnen flüssigen Farbschichten über die Leinwand und legt so die Schleier übereinander.

Erst aus den Tiefen der Malschichten tritt der Gegenstand hervor und bestimmt die mystische und gleichsam sensible Wirkung auf den Betrachter. Die Bilder wecken den Wunsch aufgedeckt zu werden und die unterschiedlichen Schichten zum Vorschein zu bringen. Ein Endpunkt ist oft schwer zu erkennen. Jede Schicht fordert eine weitere. Jedes Rinnsal verdingt sich durch weitere. Die Farben – in einer sensiblen Tonigkeit ausgesucht – stehen im Zentrum der Bildfindung.

Ihre neuesten Arbeiten gehen nun einen etwas anderen Weg. Die Schichten sind nicht mehr nur durchlässig lasierend, sie werden zu geronnenen Farbschlieren. Oft in kräftigen Farben, setzten sich diese vom Untergrund ab. Die Bilder gewinnen dadurch eine weitere spannende Lesart. Neben der zeichnerischen Sensibilität steht der ruhig gesetzte Farbschleier, um dann im oberen und unteren Teil des Bildes in den grafisch zweidimensional gesetzten Tropfen zu einer intensiven, glänzenden Versiegelung zu kulminiert. Die Bilder wirken monumentaler, was nicht nur an ihrer Größe von bis zu 2,5 m liegt. Grundlage für diese neuen Arbeiten sind die kleinformatigen Zeichnungen, auf die zu Beginn des Textes eingegangen wurde. Was sich in der Malerei auf einer einzigen Leinwand abspielt, hat Eva Wagner im Sommer aus mehreren Schichten zusammengesetzt, um den einzelnen Farbspuren auch eine scheinbar greifbare Dreidimensionalität zu geben.

Eva Wagner besticht in den neuen Arbeiten, denn die Entwicklung ist eine durchaus nachvollziehbare. Die neue Kühle, die ihre Arbeiten ausstrahlen, gewinnt durch ihren gekonnten zeichnerisch gesetzten Strich und die sensiblen lasierenden Farbspuren nie die Oberhand. Die Malerin bleibt ihrer Kunst treu und verbindet weiterhin zwei an sich unterschiedliche aber auch sich bedingenden Medien, nämlich die Zeichnung und die Malerei.

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