2015

JOHANNES HOLZMANN

   

art historian, curator Museum Angerlehner

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Eva Wagner erzeugt durch ihre spezifische Verschränkung abstrakter Bildräume mit  motivischen Fragmenten vielschichtige Konstellationen, die den betrachtenden Blick ohne Umschweife unmittelbar involvieren. Noch ehe er das Bild in seiner Ganzheit erfasst, läuft er schon die Ränder der ineinander verschachtelten Farbflächen entlang, navigiert durch  Liniensysteme orthogonaler Rasterstrukturen oder verheddert sich in engmaschigen Netzen geronnener Farbspuren. Es ist ein gezielt subjektives Blicken, das hier unvermutet direkt aufgerufen wird – nicht nur im jeweilig konkreten Betrachtungsprozess an sich, sondern auch auf inhaltlicher Ebene.

Die figurativen Fragmente, die Eva Wagner in die abstrakten Farbebenen verwebt, sind aus Szenen des Alltags gegriffen. Dabei handelt es sich um die unterschiedlichsten Alltagssettings, nicht zuletzt aufgrund der Reisetätigkeit der Künstlerin. Der Blick des Reisens äußert sich aber weniger in den Motiven, als vielmehr in einem speziellen Fokus des Dazwischen: Während der bloße Tourist die Wirklichkeit nach sehenswürdig und nicht sehenswürdig selektiert, blendet der Einheimische all das aus, was keine Rolle spielt in den Abläufen des Alltags. Eva Wagner hingegen ist nicht auf die stereotype Einordnung von Phänomenen bedacht, sondern auf das Wesenhafte hinter den Fassaden von Nutzungszusammenhängen und den Klischees von Besonderheiten. Ihr Blick fällt auf die Zwischenzonen und zeigt Ausschnitte der Wirklichkeit, die gerade im Kontrast mit dem geschäftigen Treiben ihrer Umgebung von Stille und Zeitlosigkeit geprägt sind. Die Szenen sind dabei so auf einen Moment konzentriert, dass man sie so oder so ähnlich schon gesehen zu haben meint – das eigene Innenleben kommt ins Spiel, Erinnerungen klingen an.

Der Aspekt des subjektiven Erlebens spiegelt sich schließlich auch im Zusammenspiel von abstrakten und figurativen Bildteilen. So wie an der gegenständlichen Oberfläche unserer urbanen Welt der Fluss der Zeit im Sediment der Texturen sichtbar wird – frühere Anstriche, ausgebesserte Schichten, Verfärbungen, Übermalungen etc. – sind die Bilder von Eva Wagner von Simultanität geprägt, aber genau umgekehrt: Hier sind es die Motive und Figuren, die sich als Momentaufnahmen auf den abstrakten Flächen einer alles umspannenden homogenen Bildwirklichkeit ablagern. Das Linien- und Flächengefüge und die jeweils dominante Farbstimmung entsprechen gleichsam einem Bewusstseinszustand, auf dessen Oberfläche die Sinne ihre Wahrnehmungsinhalte belichten. Nach und nach sinken die Bilder in die Tiefe und werden überlagert von den nächsten, der Blick schwenkt und verwischt sie, nur ein fokussierter Teil wird als Fragment an der Oberfläche festgehalten. Ein und dasselbe Motiv tritt dabei oft mehrmals auf, in der Mehrfachbelichtung unterschiedlicher Momentaufnahmen ebenso wie in der Dopplung der Figuren in losgelösten Konturlinien: Als ob einzelne Linien des mentalen Bildrasters in Resonanz mit den eindringenden Sinneseindrücken deren Inhalte nachzeichnen und festhalten würden – um sie dann wieder loszulassen.

Johannes Holzmann