2010

SILVIE AIGNER

   

art historian, editorship art magazine Parnass

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Im Auge des Sturms

zu den Bildern von Eva Wagner

„Eine Reise braucht keine Gründe. Und erweist sich in kurzer Zeit als selbstgenügsam. Du glaubst, dass du eine Reise machen willst, und begreifst bald, dass sie, die Reise, diejenige ist, die dich macht oder aufmacht", schrieb der Schweizer Schriftsteller und Reisautor Nicolas Bouvier.(1) Das Reisen war für Eva Wagner immer schon eine wichtige Inspirationsquelle. Wobei die Streifzüge durch die Städte sich durchaus auch wie in ihrer letzten Serie auf ihr unmittelbares Lebensfeld Wien beziehen konnte. Petra von Olschowski bezeichnete in einer Eröffnungsrede die Künstlerin einmal als eine reisende Sammlerin. So folgt sie egal wo sie sich aufhält, tief liegenden Spuren nach und hält jene Stimmungen und Eindrücke eines Landes oder eines Ortes fest, die touristischen Sehgewohnheiten verborgen bleiben, sobald diese sich an repräsentativen Sehenswürdigkeiten festmachen. Doch bleibt vieles davon auch dem Blick des Einheimischen fremd, da er im Vertrauten kaum mehr das Besonder sieht. „Vielleicht ist es so, dass sich der wahre Reisende immer im Auge des Sturmes befindet. Der Sturm ist die Welt, das Auge ist das, womit er die Welt betrachtet. Im Auge ist es still und wer sich darin befindet, kann gerade die Dinge unterscheiden, die den Sesshaften entgehen.“ zitiert Cees Nooteboom in seinem Essay Hotel den arabischen Philosophen Ibn al-Arabi.(2) Für vier Monate bildete die Landschaft und die Menschen Indiens die Ausgangsbasis für die Arbeiten von Eva Wagner. Der Mensch steht dabei jedoch stets im Mittelpunkt ihrer Kompositionen, die Landschaft bildet lediglich die Kulisse, verortet die Figuren im Raum. Bewusst lässt die Künstlerin jedoch den Betrachter über die genaue geografische Begebenheit. Denn es geht nicht um den Ort an sich, sondern die Atmosphäre, das Licht und die Stimmung, die Eva Wagner in eindrücklicher Weise in ihre Malerei übersetzt. Ihre Bilder sind dabei stets ein Spiel mit der Sensibilität des eigenen Blicks, zwischen dem Bewussten und Unbewussten der Wahrnehmung in einer Verbindung von mehreren Realitätsebenen. Die Fotografie bildet dabei die Möglichkeit die vielen Wahrnehmungen festzuhalten. Sie wird zum Tagebuch der Erinnerungen ohne je als tatsächliches Bild in die Malerei transformiert zu werden. Denn in der Malerei werden die Szenen vermischt und die Eindrücke verbunden und bilden eine Komposition die den malerischen Intentionen der Künstlerin folgt, nicht aber einer Dokumentation der Wirklichkeit. Die Realität wird zerschnitten und gleichzeitig neu zusammen gesetzt und durch die verschiedenen Farbschichten miteinander verwoben. So entsteht auch der Eindruck des Flüchtigen, Vorbeiziehenden in den Bildern von Eva Wagner oder die Möglichkeit Personen von mehren Blickwinkel aus zu betrachten. Vieles ergibt sich auch im Malprozess, zahlreiche Arbeitsvorgänge werden aneinandergereiht, was im Nachhinein durch die einzelnen Farbschichten ablesbar ist. Zugleich bildet die Leinwand ein Feld, auf der sich eine Geschichte entspannt, in die man als Betrachter für einen Augenblick eintauchen kann. Die ProtagonistInnen werden durch die Künstlerin von der Peripherie der Wahrnehmung ins Zentrum verschoben, wobei aus einer einzelnen Figur ein Szene mit vielen Facetten werden kann, wie in der Werkgruppe „Defense“ wo die allmorgendlichen Übungen eines Einzelnen zu Bewegungsstudien aus mehreren Blickwinkel werden. In einer gewissen Weiterführung ihrer Werkserie „stills“ zeigt auch „Defense“ den Menschen in einem kurzen Moment des Innehaltens. Sie sind in sich gekehrt und auf ihre Bewegung konzentriert. Der Strom der Zeit und des Alltags scheint sie in diesen Momenten nicht zu berühren und wird auch in den Bildern ausgespart. Die Beobachtung und Erfahrung von Bewegung steht im Vordergrund der figurativen Kreidezeichnung, die in die Textur der vielschichtigen Malerei verwoben wird. Durch die Präsenz der Figuren und die bewusst eingesetzten Verdoppelungen und Drehungen des Motivs, beginnt der Betrachter wie von selbst in bewegten Bildern weiterzudenken. Obwohl der Akteur in einem sehr persönlichen Moment festgehalten wird, verweigern sich die Bilder Eva Wagners jeglichen voyeuristischen Beobachten. Vielmehr konstruiert die Bewegung der Menschen in einer bleibende Spannung zwischen Realem und Fiktivem, zwischen Intimität und Anonymität. Das Leben auf der Straße, die schnellen Bewegungen der vorbeifahrenden Autos, Motorräder oder Fahrräder war seit den Bildern „passage“ ein kontinuierliches Thema. Die in Indien entstandene Bildgruppe „streetcompagnions“ zeigt Jugendliche auf den Straßen, vorbeifahrend oder an ihren Fahrzeugen arbeitend. „Straßenrand“ oder „Vor der Fähre“ sind weitere Aufnahmen, die das Treiben auf den Landstraßen einfangen. Die Bilder scheinen wie Momentaufnahmen, die aus Raum und Zeit gehoben sind, so als hätte ein Film willkürlich angehalten. Der Raum wird nur angedeutet und ist trotz oder vielleicht vor allem durch die Reduktion auf einige wenige Farben so überaus präsent. Wie eine Architektur der Malerei werden die Schichten von unten nach oben aufgebaut, in einzeln übereinander gelegter Erinnerungsbilder. Diese Montage baut gleichzeitige das Bildgeschehen auf und setzt es in Bewegung. Die Figuren, die in den unteren Schichten noch präsent sind, werden an der Oberfläche verwischt und wieder in die den Malgrund verwoben. Die Komposition der Farbflächen im Kontrast mit einer freien, grafischen Linie spielt mit den Möglichkeiten einer räumlichen Setzung durch die Figur ebenso wie mit der Präsenz von transparenten, opaken und geschütteten Farbflächen als Ergebnis eines, sich in mehren Stufen entwickelnden, konzentrierten Malakts. Selbst dort wo der Blick den Betrachter trifft posieren die Menschen nicht, sie drängen sich den Betrachter nicht auf und die Künstlerin gibt nur soviel von den von ihr gemalten Personen frei, als sie selbst für notwendig empfindet um die Stimmung der Szene zu transportieren. In manchen Bildern wird der Realismus der Figuren stärker, wie „Zum See“ und „Straßenrand III“ . Doch selbst hier stellt das Motiv keine decodierende Komponente dar, sondern öffnet Variationen an eigenen Emotionen und Erinnerungen. Wagners Bildern ist eine irritierende Intensität eigen und sie vermitteln eine poetische Lyrik, die vor allem in der Werkgruppe der „Tempelbilder“ eine besondere Präsenz erhält. Hier wird das Verweben, Überlagern von Farbflecken, geronnenen Farbspuren mit den wieder in die Unschärfe versinkenden Motivischem zu einer besonderen Matrix. Die Leinwand wird zu einem poetischen Raum, auf der sie die figurativen Szenen vor dem Hintergrund einer Tempelarchitektur abspielen. Sie bildet einen ebenso mystischen wie auch geschäftig-dynamischen Schauplatz der Handlung. Die Personen in ihren Bildern sind stets in Bewegung. Sie gehen auf den Betrachter zu, an ihm vorbei oder kehren ihm den Rücken zu und kehren in die Bildebene zurück. Durch die Überschneidungen der einzelnen Bildebenen oder den waagrechten Farbstreifen in der Werkgruppe „Temple“ entsteht die Bewegung nicht allein durch die Zeichnung der Figur sondern durch die Malerei selbst, gleichsam aus dem Bild heraus. Und dennoch liegt ein Schleier der Ruhe über den Bildern, wie als wenn die Künstlerin inmitten des hektischen Treibens den kurzen Moment der Stille festhalten würde oder wie wenn die Malerei noch ein Geheimnis verbirgt und offen lässt was unter den Schichten liegt. Die Bewegung an der Oberfläche ist nur eine Anfang, die Inception um immer weiter einzutauchen in die Bildwelten der Künstlerin, die sich wie Traumsequenzen scheinbar aus dem unbewussten der Erinnerung an die Oberfläche spülen. Und dennoch sind sie Wahrnehmungen aus der realen Welt, die jedoch auf der Leinwand ihre räumlich als auch zeitliche Begrenzung verlieren. Vielleicht ist es so wie Cees Nooteboom weiter meinte, „dass Bewegung und Ruhe einander in einer Einheit der Gegensätze im Gleichgewicht halten, dass die Welt mit all ihrem Drama und ihrer närrischen Schönheit und ihrem atemberaubenden Wirbel von Ländern, Menschen und Geschichte selbst eine Reisende ist in einem ständig reisenden Universum. Oder um am Schluss wieder auf Ibn al-Arabi zurückzukommen: „Im Auge des Sturms ist es ruhig. Wer lernt, mit diesem Auge zu schauen, lernt vielleicht auch, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden, und sei es nur, weil er sieht, worin sich Dinge und Menschen unterscheiden und worin sie sich gleichen.“(3)

Silvie Aigner

(1) Nicolas Bouvier, Die Erfahrung der Welt, Basel 2001
(2) Nootebooms Hotel, Frankfurt am Main, 2000
(3) Ibn Al Arabi (1165 bis 1240) "Kitâb Al-Isfâr“ Dt. „Das Buch der Entschleierung der Auswirkungen des Reisens" zitiert nach Cees Nooteboom, anlässlich einer Rede, 1996.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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