2008

SILVIE AIGNER

   

art historian

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Eva Wagner

Eva Wagners Tafelbilder stehen im Spannungsfeld zwischen malerischer Selbstreferenzialität und Figuration. Der zeitgenössischen Tendenz entsprechend, bildet die Realität des alltäglichen Umfelds die Basis ihrer Bilder, übersetzt in die Leinwand überwiegt der malerische Prozess. Das Motiv verschwindet in den Bildgrund und wird von Schichten lasierender Farbe überlagert. Solcherart verstärkt Eva Wagner den Eindruck des flüchtigen und fragmentarischen Ausschnittes aus der Wirklichkeit, der für einen kurzen Moment durch die Malerei festgehalten wird. Ihre Motive findet die Künstlerin in den Alltagssituationen ihres unmittelbaren Umfelds, in urbanen Räumen und zuweilen auch auf Reisen. Ihre Bilder sind dabei stets ein Spiel mit der Sensibilität des eigenen Blicks, zwischen dem Bewussten und Unbewussten der Wahrnehmung in einer Verbindung von mehreren Realitätsebenen. „Städte lassen sich an ihrem Gang erkennen wie Menschen“, schrieb Robert Musil in seinem Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“. Wie die Bewegung in den Straßen schwingt, charakterisiert, so Musil, eine Stadt bei weitem früher als irgendeine bezeichnende Einzelheit. So findet man in den Bildern von Eva Wagner keine dezidierten Hinweise auf eine bestimmte Stadt, in dem die jungen Menschen sitzen und zeichnen oder selbstvergessen eine Nachricht in ihr Handy tippen. Die urbanen Räume, in denen sich die Szenen abspielen, sind austauschbar, jegliche geografische Verortung wird vermieden. Doch assoziiert der Betrachter Vertrautes, scheint manche Szenen wiederzuerkennen, weil diese flüchtigen Szenen möglichen Begegnungen im städtischen Umfeld entsprechen. Ein Mann und eine Frau treffen sich, treten in einem Moment aus ihrer Anonymität in den Mittelpunkt der Szene und miteinander in Kontakt, ehe sie weiterziehen. Junge Menschen zeichnen auf der Parkbank in einer der grünen Oasen einer Metropole. Diese realen Szenen übersetzt Eva Wagner in die für ihre Bilder so charakteristischen Kreidezeichnungen ohne dabei die Personen für den Betrachter zu individualisieren oder sie seinen voyeuristischen Blicken freizugeben. Vielmehr übermitteln sie die Schwingungen eines städtischen Alltags, die – ähnlich wie in Musils Beschreibung – Erinnerungsbilder an vertraute Situationen und Erlebnisse evozieren.

Eva Wagners stills zeigen die Menschen in einem kurzen Moment des Innehaltens. Die Protagonisten ihrer Szenen tauchen zuweilen mehrmals in ihren Bildern auf. Erfasst in einem Augenblick der Nähe, stellen sie dennoch allgemeine und austauschbare Szenen dar, die uns im urbanen Raum begegnen könnten. Zuweilen verdoppeln sich die Personen, werden – wie mit einer Kamera - durch einen zweiten Blick gezoomt oder in einer Drehung dargestellt. Die Beobachtung und Erfahrung von Bewegung steht dabei im Vordergrund und wird unterstützt durch das grafische Liniengerüst, das wie eine imaginäre Architektur in den Raum der Malerei selbst hineinführt und die Positionierung der eigenen Sichtweise unterstützt. Mit großer Sicherheit entwickelt Eva Wagner durch den perspektivischen Aufbau der Farbfelder ein Spannungsfeld zwischen Figur und Raum. Der tektonisch strukturierte Aufbau der Malerei spielt sich dabei stets in den Vordergrund und webt die mit Kreide auf die Leinwand gesetzten Figuren in die Textur der Farbe ein.

In ihrer Serie street rückt Eva Wagner  Menschen in den Mittelpunkt einer Öffentlichkeit, die in dieser Unmittelbarkeit heute ein seltenes Motiv darstellen. Die Selbstverständlichkeit des Motivs ergab sich aus einer täglich wiederkehrende Begegnung im eigenen Umfeld des Alltags. Dementsprechend ist auch diese Serie ein Ausdruck des Erzählens. Die Bilder scheinen wie Momentaufnahmen, die aus Raum und Zeit gehoben sind, so als hätte ein Film willkürlich angehalten. Man wird Zeuge einer Szene, die sich abseits eines repräsentativen städtischen Umfelds verortet. Die Bilder gewähren uns einen Blick in das Innerste einer Großstadt jenseits des Flanierens und abseits des musischen Verweilens im Park. Durch die Präsenz der Figuren und die bewusst eingesetzten Verdoppelungen und Drehungen des Motivs, beginnt der Betrachter wie von selbst in bewegten Bildern weiterzudenken. Die durch das Liniengerüst und durch die unterschiedliche Stellung der Figuren konstruierten Bildräume entwickeln eine bleibende Spannung zwischen Realem und Fiktivem, zwischen Intimität und Anonymität.

Der Raum wird nur angedeutet und ist trotz oder vielleicht vor allem durch die Reduktion auf einige wenige Farben so überaus präsent. Charakteristisch für die Bilder von Eva Wagner ist die tonige Farbabstufung innerhalb eines Bildes. Das Motiv stellt keine decodierende Komponente dar, sondern öffnet Variationen an eigenen Emotionen und Erinnerungen. Die Malerei ordnet sich dabei nicht der Darstellung der Inhalte unter, sondern ist das eigentliche Thema ihrer Bilder. Die Komposition der Farbflächen im Kontrast mit einer freien, grafischen Linie spielt mit den Möglichkeiten einer räumlichen Setzung durch die Figur ebenso wie mit der Präsenz von transparenten, opaken und geschütteten Farbflächen als Ergebnis eines, sich in mehren Stufen entwickelnden, konzentrierten Malakts.

In den jüngsten Bildern wird das Porträt stärker in den Vordergrund gerückt, in dem die Künstlerin zuweilen bereits auf anderen Bildern gemalte Charaktere in einer größeren Nahsichtigkeit malt. War zuvor das Gesicht eines Bauarbeiters oder einer Frau nur angedeutet, so rückt es jetzt in den Bildmittelpunkt. Die Person wird stärker aus ihrer Anonymität geholt. Doch wird sie dies wirklich?

Dem Blick wohnt aber die Erwartung inne, von dem erwidert zu werden, dem er sich schenkt“, so Walter Benjamin. (Benjamin/1972. S.512) Doch selbst dort, wo Eva Wagner die Figuren in an den vorderen Bildrand rückt und das Porträt in den Mittelpunkt stellt, entzieht sich der Blick der dargestellten Personen dem Betrachter. Die Porträts scheinen vielmehr eine Innenschau oder einen momentanen Gemütszustand wiederzugeben. Die Menschen in Eva Wagners Bilder posieren nicht, sie drängen sich den Betrachter nicht auf und doch treffen sie  unmissverständlich auf ein kollektives Bewusstsein. Die Künstlerin gibt dabei nur soviel von den von ihr gemalten Personen frei, als sie selbst für notwendig empfindet, um ihre konzeptuell-inhaltlichen und auch formalen Anliegen zu transportieren. Eva Wagners Bildern ist eine irritierende Intensität eigen und sie vermitteln eine poetische Lyrik. Stets bewahrt Eva Wagner in ihren Bildern noch ein Geheimnis und lässt offen, was hinter ihrer Malerei liegt. So gilt für ihre Bilder Ähnliches wie für die Beschreibung von Wien durch Robert Musil. „Wie alle großen Städte so besteht auch sie aus Unregelmäßigkeit, Wechsel, Vorgleiten, Nichtschritthalten, Zusammenstößen von Dingen und Angelegenheiten und den bodenlosen Punkten der Stille dazwischen.....“ 

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